"Die Weichenstellungen sind entscheidend"
23.01.2012 von Allianz SE
Megastädte, verändertes Kundenverhalten und Euro-Schuldenkrise. Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, spricht im ersten Teil unserer Interviewserie darüber, was uns dieses Jahr beschäftigen wird.
Herr Heise, das Thema Euro-Schuldenkrise wird uns wohl auch noch in diesem Jahr begleiten. Wie wird sie sich Ihrer Meinung nach 2012 weiterentwickeln?
Michael Heise: Die Bewältigung der Euro-Schuldenkrise ist eine langfristige Aufgabe. Entscheidend sind jedoch die Weichenstellungen in 2012. Und hier bin ich vorsichtig optimistisch. Zwar ist das Risiko, dass die Krise weiter eskaliert, nicht vernachlässigbar. Ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass die Fortschritte bei der Bekämpfung der Krise im Verlauf des Jahres klarer sichtbar werden. Dazu zählt, dass die Umschuldung Griechenlands abgeschlossen wird, die Rettungsschirme in der beschlossenen Form einsatzfähig sind und der Fiskalpakt einschließlich der Schuldenbremsen in Kraft treten.
Die Konjunkturdaten zeigen meines Erachtens auch nicht, dass wir im gesamten Euroraum vor einer Rezession stehen. Von daher werden sich die Sparanstrengungen der Euro-Länder auch in einer sinkenden staatlichen Neuverschuldung niederschlagen, wodurch das Misstrauen der Märkte zumindest schrittweise abgebaut werden dürfte.
Neben den Finanzthemen – wo sehen Sie sonst Herausforderungen im kommenden Jahr?
Heise: Die zunehmende Urbanisierung und die Entstehung von Megastädten stellt eine ganz wesentliche Herausforderung auch für die Versicherungswirtschaft dar. Zum einen konzentrieren sich in diesen urbanen Räumen Risiken. Wir müssen uns wie im vergangen Jahr auf zunehmende Schäden durch Naturkatastrophen einstellen. Es gibt einen riesigen Investitionsbedarf zur Schaffung einer angemessenen Infrastruktur, aber auch zur Reduktion des CO2-Ausstoßes. Schließlich zeigen sich in urbanen Räumen gesellschaftliche Veränderungen viel deutlicher. Die Digitalisierung erzeugt eine zunehmende Vernetzung von Menschen, aber auch von Produkten oder Dienstleistungen. Gerade in urbanen Regionen wird das auch das Konsumentenverhalten beeinflussen und verändern.
Und wo liegen die großen Herausforderungen speziell für die Allianz?
Heise: Wir sehen, dass unsere Kunden selbstbestimmter werden und höhere Erwartungen im Hinblick auf Schnelligkeit und Servicequalität haben. Preisvergleichsseiten beispielsweise ermöglichen schnell und einfach einen Marktüberblick und bei jüngeren Kundengruppen spielen die Empfehlungen von Freunden und Bekannten in den "Social Media" eine zunehmende Rolle.
Auf diese Veränderungen zu reagieren, ist eine Herausforderung für die Allianz. Die laufenden Digitalisierungs-Projekte haben daher große Bedeutung. Sie sollen nicht nur Effizienzgewinne bringen, sondern auch sicherstellen, dass wir den neuen Anforderungen unserer existierenden und potentiellen Kunden gerecht werden. Wir müssen die Veränderungen sehr genau beobachten.
Was müsste 2012 passieren, damit es wirtschaftlich ein gutes Jahr wird?
Heise: Bisweilen ist es für die Entwicklung in einem Jahr besser, wenn nicht allzu viel passiert. So können wir uns nur wünschen, dass 2012 keine Natur- oder Atomkatastrophe eintritt wie 2011 in Japan. Von Seiten der Wirtschaftspolitik wünsche ich mir, dass ein klarer und an mittelfristigen Zielen orientierter Kurs gesteuert wird. Hektische, unter dem Druck der Märkte getroffene Entscheidungen sind nicht hilfreich.
Bleiben uns 2012 Schocks erspart – wie beispielsweise der Bankrott und Euro-Austritt eines EWU-Landes oder ein durch politische Spannungen bedingter Ölpreisschub –, bin ich zuversichtlich, dass sich die Konjunktur 2012 als robust erweist. Deutschland dürfte seine wirtschaftlich gute Position im internationalen Vergleich halten.
