Der Ministerpräsident dazu: „Die Sparkassen sind ein wesentlicher Eckpfeiler unserer Finanzarchitektur und Erfolgsgarant für den Finanzplatz Bayern. Die Staatsregierung bekennt sich ganz klar zum Drei-Säulen-Modell der deutschen Bankwirtschaft. Dafür werden wir uns in Brüssel weiterhin mit aller Macht einsetzen. Gleiches gilt für die Privilegierung der Mittelstandskredite bei Eigenkapitalunterlegung und Bürokratie. Gefragt ist eine Bankenregulierung mit Vernunft und Augenmaß, die die Besonderheiten auch unserer Sparkassen ausreichend berücksichtigt. Denn unsere Mittelständler und Existenzgründer brauchen weiterhin eine vernünftige Finanzierung!“

Die Sparkassen sind auf dem Weg in eine digitale Zukunft, die neu definierte Produkte und Prozesse verlangt. Sie bleiben gleichzeitig persönlicher Ansprechpartner und Berater in Reichweite und ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags. Das verbindet sie mit dem Bayerischen Rundfunk, dessen Intendant Ulrich Wilhelm als zweiter Keynote Speaker des Sparkassentags sprach. Wilhelm stellte das Gemeinwohl in den Mittelpunkt seiner Rede: "Öffentliche Güter, und dazu gehört auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk, sind wesentlich für das Gemeinwohl. Solidarisch finanziert richtet sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk an alle Menschen und garantiert - unabhängig von ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit – barrierefreien Zugang zu umfassenden Angeboten. Dies ist für eine funktionierende Demokratie unabdingbar. Um diesem Auftrag auch in Zukunft gerecht zu werden, müssen Politik und Gesetzgeber jetzt die Weichen auch für eine nachhaltige finanzielle Ausgestaltung stellen, mit der wir auf die Herausforderungen in einer digitalen Welt reagieren können."

Präsident Netzer sieht viele Parallelen zwischen den Sparkassen und dem BR als öffentlich-rechtliche Traditionsorganisationen. Beide befinden sich aktuell im Strukturumbau zu digital leistungsstarken und flexiblen Unternehmen. Was beim BR „Trimedialität“ bedeute, sei bei den Sparkassen die „Omnikanal-Strategie“, die jeweils übergreifende und extrem enge Kooperation und Vernetzung von traditionellen und Onlinekanälen. Mit Wilhelm sowie dem Bundesobmann der deutschen Sparkassen, Walter Strohmaier, und dem Vizepräsidenten des Sparkassenverbands Bayern, Roland Schmautz, erörterte Netzer deshalb in einer Podiumsdiskussion Strategien, wie sich dezentral organisierte öffentlich-rechtliche Institutionen den Veränderungen im digitalen Umfeld stellen und dabei Chancen für ihre Kunden realisieren können.

Netzer umriss das Umfeld der zunehmend digital organisierten Welt. Es eröffneten sich fast täglich neue Spielräume genauso wie neue Unsicherheiten und Herausforderungen. Für die Kunden der Sparkassen entsteht damit eine Vielzahl von neuen Möglichkeiten für ihre Finanzgeschäfte, es stelle sich aber zunehmend auch die Frage nach Datensicherheit und -souveränität. Für die Sparkassen verändern sich Prozesse, Produkte, Plattformen, Vernetzungen. Das birgt eine große Bandbreite von Chancen zur Profilierung in der digitalen Welt. Gleichzeitig steigt die Zahl der Offensiven anderer Anbieter.

Datensouveränität

Ein Beispiel ist die neue europäische Zahlungsdiensterichtlinie PSD II (Payment Services Directive II), die die Öffnung von Schnittstellen zwischen den Anbietern von Finanzdienstleistungen fordert. Bankkunden erhalten damit künftig mehr Flexibilität, sie können Angebote verschiedener Unternehmen bequem miteinander verbinden. Das bedeutet auch mehr Datensouveränität, Kunden können entscheiden, welchen Drittanbietern sie Zugriffsrechte auf ihr Konto erteilen. „Das heißt, dass die Kunden noch mehr Eigenverantwortung für ihre Daten übertragen bekommen – das müssen wir uns alle klar machen und das muss unseren Kunden bewusst werden," so Netzer am Rande des Sparkassentags. Für die Sparkassen bedeutet das einerseits, ihre Schnittstellen zu öffnen. Gleichzeitig entstehen hier Möglichkeiten, ihr Angebot ebenfalls noch individueller auf ihre Kunden auszurichten, z. B. über die demnächst multibankenfähige Internetfiliale. „Auch wir nutzen die neuen Möglichkeiten und integrieren sie rasch in unser sowohl bereits langjährig erprobtes als auch technisch hochmodernes Onlinebanking und in die Beratung," so Netzer. „Letztlich geht es uns immer darum, unseren Kunden klare Mehrwerte bei bewährten Sicherheitsstandards zu bieten. Das werden wir auch mit unserem neuen Dienst YES tun, der es unseren Kunden einfach macht, Identitätsdaten aus unserem Online-Banking bequem und sicher zur Anmeldung bei anderen Plattformen zu verwenden. Klar ist aber bei allen Aktivitäten, dass die Sparkassen die ihnen anvertrauten Daten nicht an Dritte verkaufen."

Regional- und Strukturentwicklung

Eine klare Botschaft Netzers beim Sparkassentag war: „Auch bei der enormen Veränderungsgeschwindigkeit, die die Finanzwelt momentan an den Tag legt, bleiben die Sparkassen immer relevant und sichtbar – in der Fläche, bei der Bargeldversorgung und beim gesellschaftlichen Engagement!" Sie stehen für die privaten Kunden und den regionalen Mittelstand ein, zählen dabei aber auch auf Existenzgründungsprogramme und staatliche Initiativen zur Stärkung des ländlichen Raums, wie z.B. die Förderung von Unternehmensverlagerungen. Die Regional- und Strukturpolitik müsse für gleichwertige Lebensverhältnisse von Stadt und Land sorgen, um den ländlichen Raum zu stärken. Denn wo es kommerzielle Infrastruktur gebe, brauche man immer auch die regionalen Sparkassen: „Wo Schulen, ärztliche Versorgung, Bäcker, Metzger und Supermarkt sind, da ist auch die Sparkasse nicht weit!"

Small and Simple Banking Box

Verantwortung für die Regionen übernehmen die Sparkassen klassischerweise auch als tragende Säule der Unternehmensfinanzierung im örtlichen Mittelstand, der gewerblichen Wirtschaft und im Handwerk. Basis für ihre erfolgreiche Arbeit sei aber, so wiederholte Netzer seinen Appell der Vorjahre, auch eine angemessene, also proportionale, Regulierung. Die Forderung nach einer sogenannten „Small and Simple Banking Box", die sich von den Regelungen für internationale Geschäftsbanken mit riskanteren Geschäftsmodellen abhebt, stehe deshalb nach wie vor im Raum und müsse bald umgesetzt werden. Dies zähle zu den Grundlagen für eine bestmögliche Unterstützung der mittelständischen Wirtschaft.

Im Mai 2018 hat nun der Rat für Wirtschaft und Finanzen (ECOFIN) beschlossen, sich für Erleichterungen für kleinere Kreditinstitute einzusetzen. Die Wirtschafts- und Finanzminister der EU wollen jetzt Institute mit einer Bilanzsumme von bis zu 5 Milliarden Euro von vereinfachten Regelungen profitieren lassen. Der ursprünglich von der EU-Kommission vorgeschlagene Schwellenwert war bei 1,5 Milliarden Euro gelegen. Um als „klein und wenig komplex" zu gelten, müssen die Institute allerdings diverse zusätzliche Kriterien kumulativ erfüllen, wie u.a. eine geringe Nutzung von Derivaten und Handelsbuchaktivitäten und keine Anwendung interner Modelle. Abhängig von der Umsetzung in Deutschland könnten bis zu 89 Prozent der insgesamt 65 bayerischen Sparkassen von Erleichterungen bei der Offenlegung und im Meldewesen profitieren. Netzer begrüßte diese deutliche Verbesserung im Vergleich zum Kommissionsvorschlag nachdrücklich, merkte aber an, dass so noch keine wirkliche „Small and Simple Banking Box" entstehe. „Das ist für die meisten Sparkassen eine klare Verbesserung. Aber auch bei dieser Bilanzsummen-Schwelle sind unsere sieben großen Sparkassen noch immer außen vor. Vereinfachte Regeln sind für alle Institute mit geringer Risikoaffinität im Geschäftsmodell gerechtfertigt. Alle Sparkassen brauchen den Spielraum, um die Unterstützung der mittelständischen Wirtschaft auch künftig sicherzustellen."

Der ECOFIN hat den Weg frei gemacht für den Start der so genannten Trilog-Verhandlungen zwischen Parlament, Rat und Kommission. Um das Paket wie geplant noch in dieser Legislaturperiode abzuschließen sollten diese spätestens Ende 2018 beendet sein. „Wir hoffen jetzt auf einen entscheidenden Durchbruch. Es gibt noch deutlich mehr Entlastungspotenzial für Regionalbanken, die EU-Gesetzgeber sollten diesen Spielraum dringend nutzen," so Netzer.

Keine zentrale Europäische Einlagensicherung (EDIS – European Deposit Insurance System)

Morgen tagen die Wirtschafts- und Finanzminister der EU (ECOFIN) erneut. Diesmal werden sie über eine „roadmap" zu einer zentralisierten Europäischen Einlagensicherung (EDIS) beraten. EDIS soll die Einlagen der Sparer im Fall einer Bankpleite absichern und in Krisenzeiten den Ansturm von Sparern auf ihre Kreditinstitute ("bank run") verhindern. Damit soll in einem letzten Schritt die europäische Bankenunion vollendet werden. Netzer entgegnet dem: "Die Bankenunion ist bereits vollendet, bei der Einlagensicherung besteht objektiv kein Regelungsbedarf. Wir haben bereits seit Juli 2015 europaweit einheitliche und funktionierende Regeln für die Höhe der besicherten Einlagen und für die Funktionsweise der Sicherungssysteme auf nationaler Ebene. Damit sind alle Sparer in Europa nach denselben Standards geschützt. Jetzt einen zentralen Fonds einzuführen ist unsinnig und gefährlich. Denn das hieße die Möglichkeit zu eröffnen, dass Risiken an die europäische Ebene „durchgereicht" werden können – und solche Möglichkeiten werden immer auch genutzt! Um das Vertrauen von Bürgern und Sparern in die gemeinsame Einlagensicherung zu stärken, wäre es besser, zunächst Risiken dort auszuräumen, wo sie eingegangen wurden. Dazu braucht es aber kein EDIS!"

Auch die derzeit diskutierten Vorschläge, auf eine Voll-Zentralisierung zu verzichten und EDIS als Rückversicherung auszugestalten, hält Netzer nicht für ausreichend. Er fordert erneut: „Wir brauchen Brandschutzmauern, separate Sicherungssysteme sind zuverlässiger! Wir sollten uns auch die Frage stellen: Wie wirkt das Thema auf die Sparer? Wenn heute ein Problem in einem südlichen Mitgliedsland auftaucht, ist das für unsere Sparer ein Beitrag in der Tagesschau. Mit einer zentralisierten Einlagensicherung würde sich das ganz anders anfühlen." Die Funktionsfähigkeit der bewährten deutschen Sicherungssysteme dürfe daher nicht gefährdet werden. Eine Vergemeinschaftung der Finanzmittel der nationalen Sicherungssysteme lehnt Netzer komplett ab.

Geschäftsentwicklung der bayerischen Sparkassen in 2018

Für die ersten fünf Monate 2018 verzeichnen die bayerischen Sparkassen erneut ein sehr gutes Kreditgeschäft: Das Kreditvolumen stieg um 1,7 Milliarden Euro (+1,3 Prozent) auf rund 132 Milliarden Euro. Dieser Anstieg wird besonders durch das sehr dynamische Unternehmenskreditgeschäft getragen (+2,1Prozent). Die bemerkenswert starke Entwicklung der Firmenkredite spiegelt sich auch in den Zusagen für künftige Darlehen wieder: Bisher wurden 2018 +9,9 Prozent mehr Kredite an Unternehmen und Selbstständige als im gleichen Zeitraum 2017 zugesagt.

Auch die Einlagen bei den bayerischen Sparkassen nehmen wieder zu. Seit Jahresbeginn ist der Einlagenbestand um 0,8 Prozent auf rund 161 Milliarden Euro gestiegen. Die Zuwächse bei den Sichteinlagen unserer Privatkunden überkompensieren wieder die Abflüsse bei Unternehmenskunden und öffentlichen Haushalten. Im gleichen Vorjahrszeitraum waren hier erstmals Verschiebungseffekte aufgrund der 2017 neu eingeführten Verwahrentgelte für diese Kundengruppen zu beobachten gewesen, so dass die Einlagenentwicklung bei den Sparkassen insgesamt rückläufig gewesen war. Dieser Prozess flacht nun deutlich ab. Normale Sparer sind nach wie vor von Verwahrentgelten nicht betroffen und parken, sofern sie freie Mittel haben, diese weiterhin bevorzugt in täglich fälligen Anlagen.

Bemerkenswert ist die Entwicklung des Wertpapiergeschäfts der bayerischen Sparkassen: Seit Beginn des Jahres 2018 lag der Nettoabsatz trotz dem Inkrafttreten der EU-Finanzmarktrichtlinie MiFiD II zum Jahresbeginn um +38 Prozent über dem des gleichen Vorjahreszeitraums. Damit setzt sich der bereits 2017 beobachtete Trend fort: Immer mehr Kunden schwenken von derzeit ertragslosen Sparprodukten auf Wertpapieranlagen und Investmentfonds.