Willkommen im Anthropozän

von Finanzplatz München Initiative

Nachhaltigkeit ist eines der meistgebrauchten – und missbrauchten – Stichworte. Thomas Loster, Diplom-Geograph und Geschäftsführer der Münchener Rück Stiftung, betitelte deshalb seinen kurzweiligen Vortrag in der Börse München im Rahmen der fpmi mit: „Nachhaltigkeit – Schlagwort oder Schlagzahl“. Wichtig war ihm, Nachhaltigkeit nicht nur auf Umweltfragen zu reduzieren, sondern auch die beiden anderen Säulen, Ökonomie und Soziales, zu berücksichtigen.

München, 07.07.2017 In einem kurzen Rekurs erinnerte Loster daran, dass der Beginn der Nachhaltigkeit nur mittelbar mit der Forstwirtschaft zu tun habe. Vielmehr war es Hans Carl von Carlowitz im Jahr 1713 als Minenbeauftragter darum gegangen, weiterhin genügend Holz für seine Silberminen zu haben. Im Wettbewerb mit dem Holzverbrauch der Hausbauer und vor allem Brauereien sah er sich genötigt, darauf hinzuweisen, dass man nicht mehr Bäume fällen dürfe als nachwachsen könnten. Größere Beachtung erhielt  der Begriff viel später, etwa durch den Club of Rome 1972 unter dem Schockwellen auslösenden Titel „the limits of growth“.

Heute hat die Weltpolitik 17 „Sustainable Development Goals“ definiert, die von der Armutsbekämpfung über den Bildungsauftrag und Erneuerbare bis zum Schutz der Unterwasserwelt sowie Frieden und Gerechtigkeit reichen. Und das ist auch dringend notwendig, so Loster, denn der „Mensch erscheint im Holozän“ (Max Frisch), lebt heute aber im Anthropozän. Das bedeutet, noch nie beherrschte, beeinflusste und vernichtete der Mensch Umwelt und Natur in so hohem Maße wie heute.

Hehre Ziele, doch werden sie auch umgesetzt? Loster zeigte von Großkonzernen mit institutionalisierten Nachhaltigkeitstätigkeiten nach DIN-Norm (ISO 14.001) bis hin zu regionalen Bäckereien, die sich neben ökologischem Einsatz von Naturprodukten auch für ihre Mitarbeiter mit Gesundheits- und Sportprogrammen einsetzen die Bandbreite möglichen Handels auf. An Beispielen aus München wie der Swiss Life AG oder der Renolit SE konnte Loster mit Zahlen von ÖKOPROFIT München zeigen, dass die durchgeführten Umweltmaßnahmen sich wohl auch ökonomisch gerechnet haben. Und er ließ keinen Zweifel daran, dass in Zeiten von Social Media gerade die NGOs und die Endverbraucher ihr Votum verstärkt einsetzen, um Verstöße gegen Nachhaltigkeits¬grundsätze zu ahnden. „Wenn ein Unternehmen aus einem bekannten Sustainability-Index herausfliegt oder auf einem unteren Rang landet, will das heute kein Vorstand gerne sehen“, so Loster.

Ein großes Problem von Nachhaltigkeit – und das erleben gerade auch die daran interessierten Anleger immer wieder – ist jedoch, wie lässt sich erkennen, dass Nachhaltigkeit drin ist, wo Nachhaltigkeit drauf steht? Die höchste Stufe für nachhaltig wirtschaftende Akteure bildet der Global Challenges Index der BÖAG, Börse Hannover ab. Er weist 50 strenge Leistungskriterien für die gelisteten Unternehmen auf und überwacht deren Umsetzung konsequent. Es geht dabei darum, wie sich die Unternehmen auf die sieben globalen Herausforderungen unseres Jahrtausends aufstellen:

- Bekämpfung der Ursachen und Folgen des Klimawandels
- Sicherstellung einer ausreichenden Trinkwasserversorgung
- Nachhaltiger Umgang mit Wäldern
- Erhalt der Artenvielfalt
- Armutsbekämpfung
- Umgang mit der Bevölkerungsentwicklung
- Good Governance (verantwortliche Führungsstrukturen).

Anhand eines Dreiecks zwischen den Kriterien sozial, ökologisch und ökonomisch erläuterte Loster schließlich die Erfolgsfaktoren nachhaltiger Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit. Wichtig war ihm, stets alle drei Säulen im Auge zu behalten. Denn während sich ein Finanzierer  vorrangig um die ökonomischen Kriterien eines Projektes - etwa beim Bau eines Brunnens in Afrika - kümmere und dabei die Finanzierung und Effizienz im Auge habe, achteten Soziologen und Anthropologen  vermutlich eher auf soziale Wirkungen. Ökologisch orientierte Projektierer vermutlich auf Ressourcenverwendung und Umwelt¬verträglichkeit. Echte Nachhaltigkeit baut aber eben auf dem Zusammenspiel und der Berücksichtigung aller drei Säulen!
Und so beendete Loster den Vortrag wie er ihn begonnen hatte mit drei „steilen Thesen“: Wer nachhaltig wirtschafte, der sehe Risiken und Chancen schneller, spare auf lange Sicht Geld, und gewinne am Ende den Kampf um Kunden und Mitarbeiter.

Die Münchner Rück Stiftung
Die Tätigkeitsschwerpunkte der 2005 gegründeten Münchener Rück Stiftung sind die Klimaänderung und -politik, Naturkatastrophen und -vorsorge, Wasser als Ressource und Risikofaktor, Versicherungslösungen im Kontext von Stiftungsthemen sowie – wie heute – Nachhaltigkeit. Thomas Loster ist seit 2004 Geschäftsführer der Müchner Rück Stiftung. Er leitete bei der Münchener Rück lange Zeit die Elementarschadenstatistik NatCat-SERVICE, die sämtliche Naturkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte auflistet. Thomas Loster war lange Mitglied des deutschen Rats für Nachhaltige Entwicklung und ist Mitglied im Weltbank/IFC Advisory Panel on Business and Sustainability. In seinen Funktionen nahm er an zwanzig Klimagipfeln der Vereinten Nationen teil und lehrt an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Nachhaltigkeit.

Über die Finanzplatz München Initiative:
Bayern mit seinem Zentrum München ist einer der bedeutendsten Finanzplätze Europas, der größte Versicherungsplatz Deutschlands, der zweitgrößte deutsche Bankenstandort und führend für Private Equity, Venture Capital, Leasing sowie Asset Management. In der Finanzplatz München Initiative haben sich alle wichtigen Unternehmen, Verbände, Institutionen sowie wissenschaftliche und staatliche Einrichtungen aus der Finanzbranche zusammengeschlossen, um mit einer Stimme zu sprechen. Gegründet 2000 unter maßgeblichem Engagement des bayerischen Wirtschaftsministeriums zählt die Initiative heute fünfzig Mitglieder und damit mehr als jede andere Finanzplatzinitiative in Deutschland.

Kontakt:
Ulrich Kirstein
c/o Bayerische Börse AG
Karolinenplatz 6, 80333 München
Telefon: 089 549045-0
Mail: kontakt@fpmi.de

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